Moderator Dr. Albrecht Kloepfer

Moderator Dr. Albrecht Kloepfer

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Impressionen der Veranstaltung

Eine flächendeckende vernetzte schmerzmedizinische Versorgung ist derzeit noch mehr Wunsch als Wirklichkeit – so das ernüchternde Fazit unseres ASV-Symposiums am 27. April 2016, das wir mit Unterstützung von Grünenthal in München durchgeführt haben. Patienten, Schmerzexperten, Vertreter von Krankenkassen, Kassenärztlicher Vereinigung und Politik sowie ein interessiertes Publikum diskutierten unter der versierten Moderation von Dr. Albrecht Kloepfer intensiv über dieses Thema.

Dr. Wolfgang Abenhardt, Onkologe und stellvertretender Vorstand des Bundesverbandes ambulante spezialfachärztliche Versorgung e.V. (BV ASV) führte in das Thema ein und gab einen kurzen Überblick über die ASV. In ihrem Grußwort lobte die bayerische Staatsministerin a.D. Christa Stewens die guten Initiativen in der Schmerzmedizin vor allem in Bayern. Jedoch seien diese nur Insellösungen und stellten kein flächendeckendes Versorgungsangebot dar. In Bayern gäbe es derzeit 26 Schmerztageskliniken mit 234 Plätzen – damit könnten etwa 900 Patienten pro Jahr behandelt werden. Bei bundesweit 23 Millionen chronischen Schmerzpatienten, von denen 2,8 Millionen einer speziellen Schmerztherapie bedürfen, sei das aber bei weitem nicht genug. Obwohl bereits seit Jahrzehnten gesetzlich gefordert, zeigten die Zahlen, dass eine vernetzte Schmerzversorgung nicht realisiert sei.

Jochen Maurer, Referatsleiter der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns wies auf die bestehenden Versorgungsunterschiede innerhalb Bayerns in der Schmerztherapie hin. Dass die Sicherstellung einer flächendeckenden Versorgung herausfordernd ist, zeige der Umstand, dass selbst bis zu 90.000€ Niederlassungsförderung nicht dazu geführt habe, den Versorgungsbedarf für Hals-Nasen-Ohren- und Hautärzte sowie Kinder- und Jugendpsychiater zu beheben. Für die Sicherstellung eines flächendeckenden Versorgungsangebotes sah Maurer vor allem die Definition des Bedarfs als kritisch. Denn dieser Bedarf wurde 1995 festgelegt und seitdem lediglich demografisch fortgeschrieben, aber nicht an neue Strukturen angepasst. Ob daher die isolierte Aufnahme der Zusatzbezeichnung Schmerztherapie in die Bedarfsplanung zu einer Verbesserung der Versorgung führe, sah Maurer daher kritisch.

Prof. Dr. Thomas Tölle

Prof. Dr. Thomas Tölle

Hier verwiesen Dr. Britta Lambers, Lehrbeauftragte der Hochschule Fresenius und Mitwirkende bei der Patienteninitiative Schmerzlos e.V., Dr. Eva Bartmann, niedergelassene Schmerztherapeutin und Landessprecherin des BVSD Bayern, sowie Dr. Axel Munte, Vorsitzender des BV ASV auf eine Initiative in Schleswig-Holstein: Dort werde die Kassenarztbesetzung zukünftig an die Zusatzbezeichnung Schmerztherapie geknüpft, nicht mehr an die Fachdisziplin. Ein großes Problem in der Schmerzversorgung stellten die Schnittstellen zwischen ambulanter und stationärer Versorgung dar. So kritisierte Dr. Britta Lambers die mangelnde Adhärenz der beteiligten Ärzte. Ein Schmerzpatient höre von jedem konsultierten Arzt andere Empfehlungen.

Die hohen qualitativen Anforderungen an die Schmerzmedizin stellte Dr. Eva Bartmann dar. Die Teilnahme an der Qualitätssicherungsvereinbarung (QSV) setze eine zwölfmonatige ganztägige Tätigkeit in einer Schmerzpraxis voraus, die nach Abschluss der Ausbildung kaum nachzuholen sei. Zudem erfordere die hohe Qualität einen enormen Aufwand, z.B. den Einsatz standardisierter Fragebögen und ein Erstgespräch mit mindestens sechzig Minuten. Dies führe dazu, dass die Patientenzahl im Rahmen der QSV auf maximal 300 pro Quartal beschränkt sei. Nicht alle der ca. 1400 Teilnehmer an der QSV erreichen jedoch diese Zahl, manche versorgen nur 100 Patienten. Bartmann forderte daher mehr Anreize für die Ärzte, die bereits im System sind, mehr Schmerzpatienten zu behandeln. Einig waren sich Prof. Dr. Thomas Tölle, TU München, Peter Krase, Ressortdirektor der AOK Bayern, Dr. Reinhard Thoma, Algesiologikum München, sowie Dr. Eva Bartmann, dass das derzeitige System falsche Anreize für die Schmerzmedizin insbesondere im stationären Bereich setzt: es werden vor allem kurze Verweildauern gefördert, obwohl dem Patienten mit einem längeren Aufenthalt ggf. mehr geholfen wäre.

Dr. Reinhard Thoma

Dr. Reinhard Thoma

Für Dr. Reinhard Thoma und Peter Krase ist die ambulante spezialfachärztliche Versorgung (ASV) nicht der primäre Weg eine umfassende Schmerzmedizin zu verankern. Sie sahen in Verträgen zur Integrierten Versorgung, Medizinischen Versorgungszentren (MVZs) oder Disease Management Programmen (DMPs) derzeit größere Chancen für eine flächendeckende Versorgung von Schmerzpatienten. Dr. Axel Munte konnte die teilweise herrschende Ernüchterung seiner Vorredner nachvollziehen. Die ASV komme seit ihrer Einführung 2012 nur sehr langsam voran. Munte sah die ASV jedoch als einen möglichen Schritt für die flächendeckende Schmerzversorgung für Deutschland. Gerade die interdisziplinäre und in der Onkologie auch sektorenübergreifende Kooperationsverpflichtung im Team bilde einen guten Rahmen für eine multimodale Schmerztherapie – außerhalb des Hemmschuhs des Budgets.

Dr. Axel Munte

Dr. Axel Munte

In der anschließenden Diskussion wurde deutlich, dass durchaus Geld für Schmerzmedizin im System vorhanden wäre, das derzeit allerdings oft an falscher Stelle ausgegeben wird – z.B. für mehrfache operative Eingriffe. Es mangele also primär an einer konsequenten Steuerung. Christa Stewens und Dr. Munte forderten in Sachen ASV noch stärker Druck zu machen, um nicht nur gute Insellösungen, sondern auch eine flächendeckende gute Schmerzversorgung zu erreichen. Sie appellierten an die Fachgesellschaften verstärkt bei der Politik ihr Anliegen mit einer Stimme vorzubringen. Damit eine vernetzte Schmerzversorgung nicht mehr Wunsch bleibt, sondern in naher Zukunft Wirklichkeit in Deutschland ist.

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