Die Vorträge der Referenten haben wir hier für Sie bereitgestellt (für Teilnehmer des Symposiums und BV-Mitglieder)

Nach Vorbild des Schmerzsymposiums vergangenes Jahr in München, fand am 08.03.2017 eine weitere regionale Veranstaltung in Stuttgart statt. Zum strukturierten Austausch kamen etwa 30 Teilnehmer im Haus der Wirtschaft zusammen, die angeregt unter der versierten Moderation von Dr. Albrecht Kloepfer den Status quo der Schmerzversorgung in Baden-Württemberg diskutierten.

Dr. Axel Munte, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands ASV e.V. (BV ASV) wies in seiner Begrüßung auf die unzureichende Verankerung der Schmerztherapie in der ambulanten spezialfachärztlichen Versorgung (ASV) hin. So gebe es zwar vereinzelt abrechenbare Leistungen, ein spezialisierter Schmerztherapeut sei bisher jedoch in keiner ASV-Konkretisierung verpflichtend vorzuweisen (im Gegensatz zu den Palliativmedizinern.) Munte appellierte an die Zuhörer, sich gemeinsam für eine ASV-Aufnahme stark zu machen, denn in der ASV sei eine extrabudgetäre Vergütung für betreuungsintensive Patienten gewährleistet, allerdings übergangsweise nach dem EBM.

Dass es in Baden-Württemberg bereits eine gute Grundstruktur der Schmerzversorgung gebe, zeigte Dr. Jürgen Wuthe mit der Darstellung des seit dem Jahr 2000 bestehenden Schmerzforums Baden-Württembergs und dem Gesundheitsleitbild des Landes. Dieses basiert auf den Schlagworten „regional, vernetzt und partizipativ“. Auf Landesebene werden jährlich 2 Mio. Euro für kommunale Gesundheitskonferenzen in die Hand genommen. Des Weiteren wird versucht, nicht nur ambulant und stationär zu vernetzen, sondern Schmerzen bereits durch Prävention und Gesundheitsförderung zu verhindern. Durch Fachforen und Öffentlichkeitsarbeit werden sämtliche Beteiligte zum gemeinsamen Austausch eingeladen.

Prof. Hubert Bardenheuer

Prof. Hubert Bardenheuer

Prof. Hubert Bardenheuer gewährte tiefere Einblicke in die baden-württembergische Schmerzlandschaft. So seien die vier überregionalen Zentren sehr unterschiedlich ausgerichtet. Während das Freiburger Zentrum überwiegend Patienten mit Rückenschmerzen behandelt, haben es die Heidelberger zu 50% mit Tumorpatienten zu tun. Die Zentren in Ulm und Tübingen weisen hingegen ein recht ausgeglichenes Spektrum an Patienten mit Kopf-, Ischämischen, Neuropathischen, Rücken-, Visceral- und Tumorschmerzen auf. Für die Zukunft forderte er mehr Planungssicherheit für regionale Schmerzzentren. So sei eine Aufrechterhaltung der mühsam erarbeiteten Strukturen nur durch eine dauerhafte Ermächtigung qualifizierter Zentren zu gewährleisten.

Dr. Kristin Kieselbach

Dr. Kristin Kieselbach

Die Arbeit aus Sicht des überregionalen Schmerzzentrums in Freiburg stellte Dr. Kristin Kieselbach vor. Zum interdisziplinären Schmerzzentrum zählen neben tagesklinischen und stationären Angeboten auch der Austausch mit Kooperationspartnern wie anderen Haus- oder Fachärzten und Reha-Kliniken. Die überregionalen und regionalen Schmerzzentren werden anhand der gemeinsam von Sozialministerium und baden-württembergischen Krankenhausgesellschaft erarbeiteten Kriterien zertifiziert. So muss neben der fallbezogenen Kooperation und Sicherstellung der interdisziplinären Diagnostik und Behandlung auch eine verbindliche Kooperation mit internen und externen Einrichtungen nachgewiesen werden. Genau diese Verbindlichkeit wird bisher noch nicht ausreichend gelebt. Ein Handschlag reiche hier nicht aus.

Dr. Michael Viapiano mit Dr. Munte und Dr. Kloepfer

Dr. Michael Viapiano mit Dr. Munte und Dr. Kloepfer

Dr. Michael Viapiano präsentierte den ordnungspolitischen Rahmen. So gilt in der Qualitätssicherung Schmerztherapie die 150-Fälle-Regelung (im Quartal müssen mind. 150 chronisch schmerzkranke Patienten behandelt werden) und die 75%-Regelung (Anteil schmerztherapeutisch betreuter Patienten, gemessen an der Gesamtzahl aller Patienten, muss 75% betragen), andernfalls wird die Abrechnungsgenehmigung entzogen. Für Baden-Württemberg konnten Sondervereinbarungen getroffen werden. So wurde der Wegfall der Richtgrößenprüfung und die Stärkung der Regionalität begrüßt und der Einstieg in eine qualitäts- und zielorientierte Betrachtung entsprechend des medizinischen Versorgungsbedarfs geschaffen. Der flächendeckende Ansatz der ASV könnte die Schmerztherapie unterstützen. Allerdings sind derzeit nur spezielle Indikationen vorgesehen, bei denen die Schmerztherapie eher eine untergeordnete Rolle spiele.

Das hohe persönliche Engagement veranschaulichte Dr. Fritjof Bock. Er treffe sich mit motivierten Mitstreitern jeden Montag um 20:30 Uhr zur Schmerzkonferenz. Unmut generiere seiner Meinung nach die unterschiedliche Honorierung aus den Fachtöpfen. So erhalte z.B. der Anästhesist für die gleiche Leistung fast doppelt so viel, wie der Orthopäde. Auch die oben genannte 75%-Regelung konterkariere die gute Schmerzversorgung in der Region. Kapazität hätte er für weitere Schmerzpatienten, jedoch werde die Behandlung dieser nicht vergütet. Er forderte, dass jeder der Verbündeten einen Brief an den eigenen Verbandsvorstand schreibe, mit der Bitte sich gemeinsam um das nationale Schmerzforum zu kümmern.

Dr. Kristin Kieselbach und Dr. Roland Straub

Dr. Kristin Kieselbach und Dr. Roland Straub

Für die kurzfristig erkrankte Dipl. Psych. Marianne Lüking stellten Dr. Kristin Kieselbach und Dr. Roland Straub Auszüge aus deren Vortrag vor. So wiesen sie auf den Strategiewechsel in der Psychotherapie hin. Nach einer kategorischen Ablehnung von Spezialisierungen, habe man sich nun für eine moderate Spezialisierung, zumindest für die Bereiche Diabetes, Schmerztherapie und Kardiologie, entschieden. Schwierigkeiten sehen sie vor allem im ländlichen Raum. Die sonst gut angenommenen Gruppentherapien sind hier aufgrund der Entfernungen kaum praktikabel.

Dr. Regina Wolf

Dr. Regina Wolf

Dr. Regina Wolf, engagierte Ärztin am Krankenhaus Karlsruhe erklärte, wie sie mit Konferenzen, Tagungen, Patientenbroschüren und weiteren Maßnahmen die Standards in die Fläche bringen wollen. Doch auch sie stehen als Ermächtigungsambulanz alle zwei Jahre vor den immer wiederkehrenden Unsicherheiten, ob die Genehmigung aufrecht erhalten bleibt.

Dr. Hubert Schindler betont die guten regionalen Ansätze, kritisiert allerdings den vorherrschenden „Flickenteppich“. Auch in der ASV sei die Schmerztherapie nur bei einzelnen Leistungen enthalten. So  appelliert er ebenfalls an die Teilnehmer, sich gemeinsam und strukturiert für die Schmerztherapie einzusetzen.

Am Ende kristallisierte sich heraus, dass es in Baden-Württemberg bereits viele gute punktuelle Ansätze gibt, meist durch das hohe Engagement von Einzelnen. Eine flächendeckende, nachhaltige Struktur und Planungssicherheit sei allerdings noch Wunschdenken. Für die Schmerztherapie wird die ASV mit ihrer kollektiv-vertraglichen Wirkung und dem sektorenverbindenden Ansatz erst interessant, wenn es eine eigene Indikation „Versorgung von Schmerzpatienten“ gibt. Kurzfristig wäre den aktiven Schmerzpionieren jedoch mit einer Sicherung der Versorgungsgrundlage (z.B. durch Ermächtigung oder Schmerzbetten) und der verbindlichen Anerkennung der zertifizierten Schmerzzentren sowie deren Finanzierung geholfen. Langfristig werden die Schmerztherapeuten nur gemeinsam eine Anerkennung für eine qualitativ hochwertige Schmerzversorgung erreichen können. Grundstein hierfür wäre nicht nur die Schaffung verbindlicher sektorenübergreifender Kooperationen, sondern bereits eine Zusammenarbeit der verschiedenen Schmerzvereine und -gesellschaften.

Das Symposium fand mit freundlicher Unterstützung der GRÜNENTHAL GmbH statt.