Juli 2016, Nachtrag zur Veranstaltung: Als ein Ergebnis des Symposiums wurde folgendes Forderungspapier zur Aufnahme von CED in den ASV-Indikationskatalog formuliert und an das Bundesgesundheitsministerium und den Gemeinsamen Bundesausschuss verschickt:
CED_Forderungspapier_07.2016
Zur Antwort des Bundesministeriums für Gesundheit
Zur Antwort des Gemeinsamen Bundesausschusses
Zur Antwort der KBV

Zu den Vorträgen (für BV-Mitglieder und Teilnehmer)
Impressionen der Veranstaltung

DSC01858Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED) sind derzeit im Gesetz noch nicht für eine Umsetzung in der ambulanten spezialfachärztlichen Versorgung (ASV) vorgesehen. Ob eine Aufnahme der CED als neue ASV Indikation durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) sinnvoll wäre und inwieweit Patienten mit Morbus Crohn und Colitis ulcerosa davon profitieren könnten, darüber wurde in unserem Schwerpunktsymposium am 1.6.2016 in Berlin diskutiert. Dr. Axel Munte, Vorstand des Bundesverbands ASV, begrüßte das Publikum in der Hörsaalruine der Berliner Charité mit einigen allgemeinen Worten zur ASV und erläuterte die Gründe für die teils reservierte Haltung der Ärzte zu dieser neuen Versorgungsform. Er sehe die ASV jedoch trotz der Anfangsschwierigkeiten als Chance und freue sich auf die Gelegenheit, mit den Referenten und Zuhörern zu diskutieren, ob CED nicht ein geeigneter Indikationsbereich für die ASV sein könne.

Die rechtlichen Grundlagen zur Aufnahme von CED in den ASV-Indikationskatalog wurde von Frau Dr. Regina Klakow-Franck als Vertreterin des G-BA dargestellt. Prinzipiell habe der G-BA die Möglichkeit, den gesetzlich vorgegebenen Katalog der ASV-Erkrankungen zu ergänzen. Derzeit läge die Priorität jedoch in der Überführung der bestehenden Anlagen zur Richtlinie zur ambulanten Behandlung am Krankenhaus in ASV-Konkretisierungen. Eine Aufnahme neuer Krankheitsbilder war per G-BA Beschluss im März 2013 zunächst zurückgestellt worden. Diese Beschlusslage müsste also revidiert werden. Weiter sei die aktuelle Rechtslage zur ASV noch nicht in der Verfahrensordnung des G-BA abgebildet, so dass faktisch eine entsprechende Antragstellung und -bewertung formal nicht möglich sei. Sowohl von Seiten des G-BA als auch von Seiten der Zuhörerschaft und Referenten wurde hier die begründete Kritik angebracht, dass die aktuellen Formulierungen der Verfahrensordnung die Aufnahme von CED behinderten und dringend aktualisiert werden sollten. Frau Dr. Klakow-Franck hob hervor, dass sie persönlich durchaus eine Veränderung der Priorisierung unterstütze und dem offen gegenüberstehe.

Frau Prof. Dr. Britta Siegmund, Vorstandsmitglied des Kompetenznetzwerk Darmerkrankungen e.V., stellte dar, dass Morbus Crohn und Colitis ulcerosa Multiorganerkrankungen sind, die letztlich die Betreuung durch ein interdisziplinäres Team nötig machten. Dies entspräche genau der Teamstruktur der ASV. Siegmund präsentierte bereits einen konkreten Vorschlag für die Fachgruppenzusammenstellung und ging auch auf nötige weitere Kompetenzen und Strukturen ein. Als weiteres Argument für eine Aufnahme der CED führte sie die Entwicklung im Bereich der medikamentösen CED-Therapie an. Hier seien in den nächsten Jahren etliche Neueinführungen zu erwarten, die mit teils starken Nebenwirkungen verbunden seien und daher eine strenge Beobachtung von qualifizierten Ärzten erforderten. Eine Zentrenbildung sei somit unbedingt zu fördern.

Dr. Bernd Bokemeyer

Dr. Bernd Bokemeyer

Herr PD Dr. Bernd Bokemeyer, 1. Vorstandsvorsitzender des Kompetenznetzwerk Darmerkrankungen e.V., schloss sich in vielen Punkten seiner Vorrednerin an. Er thematisierte das aktuelle Problem der mangelnden Refinanzierung von CED Zentren und wies darauf hin, dass gerade in der vertragsärztlichen Versorgung über die Kassenärztlichen Vereinigung letztlich nur eine Umverteilung von Geldern innerhalb der betroffenen Arztgruppen vorgenommen würde. Außerdem vertrat er die Meinung, dass eine Aufnahme von CED in die ASV, aufgrund des häufigen Vorkommens und der teils schwerwiegenden Verläufen, von der breiten Gesellschaft eher eine Rückendeckung bekomme, als es z.B. bei einigen seltenen Erkrankungen der Fall ist.

Frau Prof. Dr. Sibylle Koletzko, Abteilungsleiterin der Gastroenterologie im Dr. von Haunerschen Kinderspital der LMU, stellte die besonderen Versorgungsbedürfnisse von Kindern mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen sehr anschaulich dar. Bei einem Auftreten der Erkrankung im Kindesalter nähme diese oft einen aggressiven Verlauf. Umso kritischer sei daher, dass die betroffenen Kinder und Jugendlichen den Weg in spezialisierte Zentren oft sehr spät oder gar nicht fänden. Denn gerade im Kindesalter zähle eine rasche Einleitung und stetige Anpassung der richtigen Therapie. Für die Versorgung ist ein multidisziplinäres Team aus Kindergastroenterologe/in, Diätfachkraft, Psychologen und anderen medizinischen Subdisziplinen notwendig. Die ambulante Versorgung ist z.Zt. weitgehend an Klinik- und Hochschulambulanzen gebunden und zum Teil unterfinanziert.

Kritischer betrachtete Herr Tobias Hillmer als Vertreter der Patienten (Referent Sozialrecht und Politik, Deutsche Morbus Crohn / Colitis ulcerosa Vereinigung e.V.) die Aufnahme der CED in die ASV. Aufgrund der durch den G-BA beschlossenen Priorisierung der Indikationen hielt er eine zeitnahe Umsetzung der ASV für CED für kaum umsetzbar. Des Weiteren könnten unklare Formulierungen in der ASV-Richtlinie, die u.a. den Tätigkeitsort und die Erreichbarkeit des Kernteams betreffen, eine erfolgreiche Umsetzung in der Praxis verhindern. Als Vertreter der Patienten wies er auf die Notwendigkeit einer Evaluation und einer Qualitätssicherung hin um den Nutzen für die betroffenen Patienten beurteilen zu können. Trotzdem sieht auch er in der ASV eine geeignete Möglichkeit zu Verbesserung der Versorgungssituation von CED Patienten.

Dr. med. Jan Helfrich

Dr. med. Jan Helfrich

Dr. Jan Helfrich, Abteilungsleiter Ambulante Leistungen Vertragsmanagement der DAK Gesundheit, sah grundsätzlich keine Notwendigkeit für eine Aufnahme in die ASV. Er vertrat die Meinung, dass es die Strukturen für eine optimale Versorgung (vom Hausarzt über den Facharzt zu Versorgungszentren) bereits gäbe, nur mangele es an der Vernetzung. Ob die ASV diese Vernetzung schaffe, bezweifelte er aufgrund der derzeit sehr komplexen Umsetzung. Des Weiteren gäbe es im deutschen Gesundheitswesen bereits einen bunten Blumenstrauß an Versorgungswegen die die sektoriellen Grenzen überbrücken sollen. Generell vertrat er die Meinung (die durchweg von allen Referenten geteilt wurde), dass die größte Herausforderung in der CED-Versorgung nicht die Sektorengrenzen an sich, sondern die mangelnde Kommunikation unter den Akteuren sei. Hoffnung für eine bessere und wirtschaftliche Versorgung sehe er mehr in einem optimierten Innovationsmanagement und dem Wissensaufbau, z.B. durch Behandlungen im Studiendesign.

DSC02002Zum Schluss der Veranstaltung wurde in einer Podiumsdiskussion der Referenten u.a. die Frage der Selbstverwaltung der Ärzte kontrovers diskutiert. Während Herr Dr. Helfrich an die Ärzteschaft appellierte, sich um eine bessere Vergütungssystematik zu bemühen, vertrat Dr. Axel Munte die Meinung, dass der Druck von außen, also die Einführung der ASV für CED, für die Ärzteschaft notwendig sei. Seiner Meinung nach sollten gute Netzwerke, wie sie zum Teil schon existieren, auch bundesweit verfügbar sein. Aus der Diskussion ergab sich das Fazit der Veranstaltung, welches von Dr. Albrecht Kloepfer, Moderator der Veranstaltung, zusammengefasst wurde. Patientenvertreter, engagierte Vertreter der Ärzteschaft und der Bundesverband ASV könnten einen ausformulierten Vorschlag für eine Neuaufnahme der CED in den ASV Katalog an den G-BA richten. Besonders die Patientenvertretung hätte großen Einfluss auf die Beschlüsse des G-BA, kommentierte Frau Dr. Klakow-Franck. Das Schlusswort der Veranstaltung wurde von Herrn Dr. Munte treffend formuliert: Was wir brauchen ist Revolution und Resolution!

 

Die Veranstaltung fand mit freundlicher Unterstützung von mundipharma, MSD und Medtronic statt.